2.15 Mutterschutz-Transcript

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Dies ist eine freie Übersetzung des Original-Transcripts und kann daher von der synchronisierten Episode abweichen!


Informationen zu dieser Episode

Inhaltsverzeichnis

Inselabschnitt

Es ist Nacht im Camp am Strand. Alle scheinen zu schlafen. Doch Aarons Weinen dringt laut durch die Stille. Claire trägt ihn in ihren Armen hin und her, versucht ihn zu beruhigen. Doch Aaron hört nicht auf zu weinen.

Claire: Hey, ist ja schon gut, Süßer. Psst. Ist ja gut. Hey Süßer, es ist alles in Ordnung.

Sie wiegt ihn und versucht ihr Bestes, ihn zu beruhigen. Doch es gelingt ihr nicht. Prüfend legt sie ihre Hand auf seine kleine Stirn und erschrickt. Läuft zu Locke hinüber, der ganz in der Nähe liegt und schläft. Schüttelt ihn sacht an der Schulter.

Claire: John? John? Wach auf.

John schreckt auf.

Locke: Was? Claire...

Claire: Er glüht vor Fieber. Und er hat einen Ausschlag. Ich muß Jack suchen.

Locke setzt sich auf.

Locke: Er ist, äh, er hat Schicht in der Luke.

Claire: Okay.

Schon wendet sie sich ab, will sich auf den Weg durch den finsteren Dschungel zur Luke machen. Doch Locke springt auf und hält sie zurück.

Locke: Nein Claire, warte.

Claire: Nein, ich kann nicht, John, okay?

Claire ist völlig aufgelöst vor Sorge um ihr Baby, doch Locke läßt sie nicht gehen.

Locke: Nein nein nein, du wirst nicht mitten in der Nacht durch den Dschungel spazieren. Ich geh und hol Jack. Ich schicke ihn direkt hierher.

Und Claire gibt nach.

Claire: Okay.

Locke: Mach dir keine Sorgen.

Claire nickte, wenig überzeugend, und Locke läuft rasch los.


Jack liegt auf der Couch im Wohnzimmer der Dharma-Station nahe der verschlossenen Tür zur Waffenkammer und schläft, als Locke hereingelaufen kommt.

Locke: Jack!

Jack zuckt zusammen, setzt sich in einem Satz auf. Wirft Locke einen müden Blick zu.

Jack: Was ist los?

Locke: Das Baby hat Fieber.

Jack: Fieber?

Er fährt sich mit der Hand über das Gesicht, versucht erst mal zu sich zu kommen.

Locke: Claire wollte herkommen.

Sie tauschen einen Blick, sehen dann beide langsam zur verschlossenen Waffenkammertür hinüber.

Locke: Schläft er?

Jack: Kein Ton die ganze Nacht.

Jack packt ein paar Sachen in seinen Rucksack und wendet sich zum Gehen.

Jack: Ich komme so schnell zurück wie ich kann.

Locke nickt. Jack verläßt das Zimmer. Und Locke setzt sich auf die Couch, um nun weiter über den Computer und Henry Gale zu wachen.


Unten am Strand ist Claire noch immer verzweifelt bemüht, ihr schreiendes Baby zu beruhigen. Er liegt jetzt auf seiner Decke, und Claire tupft seine Stirn mit einem nassen kalten Lappen ab. Versucht trotz ihrer Panik beruhigend auf den Kleinen einzureden. Auf Aarons Gesicht und Brust sind rote Ausschlagflecken zu sehen.

Claire: Hey, hey, Süßer, ist ja gut. Ist ja gut. Mami kühlt dich ab, okay? Okay? Psst, ist ja gut.

Plötzlich hört sie etwas hinter sich in der Dunkelheit.

Claire: Jack...

Sie fährt herum. Und erstarrt. Es ist nicht Jack, der da langsam auf sie zukommt. Es ist Danielle. Hastig nimmt Claire Aaron wieder auf den Arm, drückt ihn fest an sich und fährt Danielle an.

Claire: Was hast du hier zu suchen? Bleib weg von uns!

Danielle bleibt vor ihr stehen.

Danielle: Er ist infiziert, nicht wahr?

Claire starrt sie erschrocken an.

Claire: Was?

Danielle: Dein Kind... es ist krank.

Claire: Verschwinde einfach. Bleib weg von uns!!

Danielle: Du erinnerst dich nicht, oder?

Claire starrt Danielle an. Und plötzlich sehen wir eine rasche Folge verschiedener kurzer Bildausschnitte – Erinnerungen, anscheinend von der Zeit ihrer Entführung auf der Insel, darunter ein Babybettchen mit einem Mobile aus kleinen Flugzeugen, ein Metallschrank mit Ampullen voller gelber Medizin, einen winzigen blauen gestrickten Babyschuh, das Gesicht eines jungen Mädchens mit blauen Augen und dunklem Haar, eine Spitze mit langer Kanüle, ein Babybauch, der mit einem Alkoholtupfer desinfiziert wird, ein kurzer Ausschnitt von Claire, die versucht, von Danielle loszukommen, dazu eine Stimme die sagt: „Das ist ein Impfstoff. Wir wollen ja nicht, daß er krank wird.“ Dann ist es zu Ende. Und Claire starrt Danielle nur noch verwirrt an.

Da kommt Kate zu ihnen herübergelaufen, stellt sich zwischen Claire und Danielle und fährt Danielle aufgebracht an.

Kate: Hey, verschwinde! Laß sie in Ruhe!

Danielle ist sichtlich erschrocken. Doch Kate geht weiter auf sie los.

Kate: Was glaubst du, daß du hier tust? Was hast du hier zu suchen? Verschwinde aus unserem Camp.

Für einen Moment sieht Danielle fast bestürzt aus. Doch dann wendet sie sich schweigend ab und verschwindet langsam wieder in Richtung Dschungel.

Kate dreht sich zu Claire um.

Kate: Was ist passiert?

Claire starrt nur angsterfüllt vor sich hin.

Kate: Was hat sie gesagt?

Claire: Sie hat gesagt, mit ihm stimmt was nicht.


Inzwischen ist Jack im Camp angekommen und untersucht das Baby sorgfältig. Claire ist völlig aufgelöst.

Claire: Das sieht ihm so gar nicht ähnlich. Er schläft nachts sonst immer durch. Und dieser Ausschlag – Ich meine, irgendwas stimmt nicht.

Jack versucht sie zu beruhigen, doch was auch immer er sagt, Claire glaubt ihm nicht.

Jack: Babys werden krank, Claire.

Claire: Okay, was ist mit dem Fieber und dem Husten?

Jack: Völlig normal.

Claire: Und er hat überhaupt nichts gegessen, und –

Jack: Claire, er ist okay. Er hat vermutlich Röteln. Das ist ein ganz typischer Virus und bei Kindern in seinem Alter sehr geläufig, und der Ausschlag ist ein Symptom dafür.

Claire: Okay. Was wenn es das nicht ist?

Jack fährt sich erschöpft mit der Hand über das Gesicht.

Claire: Was wenn er sich etwas wirklich schlimmes weggeholt hat? Zum Beispiel irgendeine Infektion?

Jack sieht sie wieder an.

Jack: Eine Infektion? Wie kommst du auf diese Idee?

Da nähert sich Kate von hinten.

Kate: Rousseau war hier.

Jack wirft ihr einen überraschten Blick zu, dann Claire.

Jack: Was hat sie zu dir gesagt?

Claire: Sie sagte sie wußte, daß er krank ist, okay? Daß er infiziert ist.

Jack: Claire, es gibt keine Infektion. Wir sind seit zwei Monaten auf dieser Insel, und niemand ist krank geworden. Rousseau ist verrückt. Wir lassen das Fieber einfach abklingen. Es kommt alles wieder in Ordnung, okay? Glaub mir. Ich muß zurück zur Luke. Ich komm in ein paar Stunden zurück und sehe ihn mir nochmal an, okay?

Claires Blick wurde immer abwesender, je länger Jack redete. Auch ihr „Okay“ ist nicht zu hören. Jack fragt noch einmal nach, eindringlicher, wartet, bis sie ihn ansieht.

Jack: Okay?

Claire: [Knapp und zerstreut] Ja.

Jack nickt, steht auf und wendet sich zum Gehen. Kate kniet sich vor Claire, lächelt sie zuversichtlich an.

Kate: Hey, ich bin sicher, Jack wüßte wenn irgendwas nicht in Ordnung wäre.

Claire sieht alles andere als überzeugt aus.


Der nächste Morgen. Claire und Kate gehen schnellen Schrittes durch das Camp in Richtung Strand.

Kate: Bist du dir auch sicher? Wir kennen sie doch gar nicht richtig.

Claire: Ich glaube, daß sie mir helfen kann.

Sie gehen auf Libby zu, die mit Hurley zusammen am Strand ist.

Libby: Hey.

Hurley: Hey Leute.

Doch Claire hat keine Zeit für Höflichkeiten.

Claire: Du bist Psychotherapeutin, richtig?

Libby: [Überrascht] Ich bin eine Klinikpsychologin, aber "Psychotherapeutin" geht auch.

Claire: Kannst du Leuten helfen, sich an Dinge zu erinnern?

Libby: Ich nehme an das hängt davon ab, woran du dich erinnern mußt.

Gleich darauf sehen wir Libby, Kate und Claire gemeinsam am Strand entlanggehen.

Claire: Es war unsere zweite Woche auf der Insel. Ich war draußen im Dschungel und ich – Ich dachte ich würde das Baby kriegen. Charlie war bei mir. Und da war dieser Mann – Ethan. Wir dachten er wäre einer von uns aus dem Flugzeug, aber das war er nicht. Und dann hat er mich verschleppt – Hat uns beide verschleppt. Und... Ich kann mich nicht erinnern. Ich kann mich an nichts erinnern.

Kate: Als Jack und ich Charlie fanden, hing er am Hals von einem Baum herunter.

Sie bleiben stehen. Libby hört aufmerksam zu. Claire ist immer noch sehr aufgeregt und nervös.

Claire: Ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist, und jetzt sehe ich diese blitzartigen Bilder. Und, weißt du, ich habe Amnesie. Mir fehlen zwei Wochen aus meinem Leben.

Libby: Claire, ich glaube nicht, daß du Amnesie hast. Weißt du, manchmal wenn uns etwas Schreckliches passiert, gibt es da diesen Schalter im Kopf, der umspringt, um uns davor zu beschützen, uns damit auseinandersetzen zu müssen. Vielleicht sind deine Erinnerungen nicht verloren. Vielleicht blockst du sie auch nur ab.

Claire: Dann mußt du die Blockierung für mich lösen. Denn mein Baby ist krank, und die haben irgendwas mit ihm gemacht.


Henry Gale sitzt auf der Liege in der leeren Waffenkammer, als die Tür aufgeht und Locke und Jack hereinkommen. Jack trägt ein Tablett mit einem gefüllten Teller drauf in den Händen, Locke ein Buch. Jack gibt Henry das Essen.

Jack: Mußt du in den Waschraum?

Henry Gale: Nein.

Jack: Na dann laß uns einfach wissen, wann du doch mußt.

Henry Gale: [Spöttisch] Ja, ich freu mich schon drauf.

Jack wendet sich zum Gehen. Locke wirft das Buch neben Henry auf die Pritsche. Henry nimmt es zur Hand, wirft einen Blick darauf.

Locke: Dachte du würdest vielleicht gern was lesen.

Henry Gale: Dostojewski. Habt ihr nichts von Stephen King?

Locke: Die Bibliothek ist etwas veraltert.

Henry Gale: Klar. Na ja, danke.

Jack und Locke verlassen die Waffenkammer, räumen Tablett und den alten Teller von Henry weg.

Jack: Was sollte das mit dem Buch?

Locke: Nur zum Zeitvertreib.

Jack nickt, wendet sich ab.

Locke: Wußtest du, daß Hemingway auf Dostojewski eifersüchtig war?

Jack: [Desinteressiert] Nein, John, das wußte ich nicht.

Locke: Er wollte der weltbeste Schriftsteller werden war aber davon überzeugt, daß er nie aus Dostojewskis Schatten würde herauskommen können. Irgendwie traurig, wirklich. [Übergangslos] Was tun wir, Jack?

Jack sieht ihn an.

Jack: Was wir tun?

Locke: Wir können ihn nicht für immer hier unten verstecken. Die Schichten umzuändern führt nur dazu, daß die Leute anfangen, Fragen zu stellen. Ich möchte nur wissen, was auf lange Sicht der Plan ist.

Jack: Tja, John, laß mich dir mal diese Frage stellen – wir haben keinen langfristigen Plan für den Knopf, trotzdem drücken wir ihn immer weiter, oder nicht? Solange wir nicht wissen, wer er ist und ob er die Wahrheit sagt oder nicht, werden wir weiter genau das tun müssen, was wir tun. Falls du eine bessere Idee hast, laß sie hören.

Sie starren einander an. Da klingt leise und gedämpft aus dem Hintergrund Henrys Stimme auf.

Henry Gale: Wie wäre es, wenn ihr mich gehen laßt?

Jack und Locke tauschen einen nicht wenig verwunderten Blick.


Unten am Strand hält Kate Aaron in den Armen. Der Kleine weint noch immer, und sie läuft vorsichtig mit ihm auf und ab im Versuch, ihn zu beruhigen. Abseits abgeschirmt durch Büsche und Gräser sitzen Claire und Libby einander gegenüber im Schneidersitz auf dem Boden. Libby versucht Claire mit ruhiger Stimme Anweisungen zum Entspannen zu geben.

Libby: Wir sind hier weit weg von allen Geräuschen des Camps. Atme einfach nur. Entspann deinen gesamten Körper.

Claire schließt die Augen, versucht sich zu entspannen und ist doch immer noch nervös. Versucht es weiter. Atmet tief ein und aus.

Libby: Gut. Hör den Wellen zu. Gut, ein... und aus... langsam. Gut. Laß die Augen zu. Ganz locker, Claire. Atme einfach weiter.

Langsam wird Claire etwas ruhiger. Libby beobachtet sie aufmerksam.

Libby: Jetzt möchte ich, daß du dir vorstellst, wieder schwanger zu sein. Hör auf meine Stimme. Denk über das nach, was du siehst.

Erinnerung

Claire konzentriert sich. Und schon strömen wieder eine Vielzahl kurzer abgehackter Bilder auf sie ein. Das Mobile mit den kleinen Flugzeugen. Eine Tür, die zufällt, ein Monitor mit einem Ultraschallbild eines Babys, das junge Mädchen, das sagt: „Wach auf“, eine Nadel, die in Claires schwangeren Bauch eingeführt, ein Bild aus der Nacht in der Höhle, als Claire aus dem Schlaf gerissen und angegriffen wurde (Erste Staffel, Folge 1x10). Und wieder sagt die Stimme: „Das ist ein Impfstoff. Wir wollen ja nicht, daß er krank wird."

Dann sehen wir eine Hand auf Claires schwangerem Bauch. Sie trägt ein Krankenhausnachthemd. Sitzt auf einem Untersuchungsstuhl. Ein Mann in einem weißen Kittel ist bei ihr, doch sein Gesicht können wir nicht sehen, nur seine Stimme hören. Claire wirkt ziemlich entspannt und vertrauensselig.

Stimme: Wann warst du zuletzt zur Untersuchung, Claire?

Claire: Oh, ich war schon eine Weile nicht mehr. Ich hatte so viel zu tun, weißt du, und... ich gehe nach Los Angeles.

Der Mann klingt äußerst freundlich.

Stimme: Wirklich?

Claire: Ja.

Stimme: Noch im letzten Drittel der Schwangerschaft zu reisen, wird gewöhnlich nicht empfohlen.

Claire: Es gibt da eine Familie. Ich werde, äh, das Baby zur Adoption freigeben.

Stimme: Oh, natürlich. Ich verstehe. Das Beruhigungsmittel, das ich dir gegeben habe, war sehr schwach. Ich weiß, daß diese Untersuchungen ziemlich stressig sein können.

Er geht zu einem metallenen Kühlschrank hinüber und holt eine Ampulle mit klarer gelber Flüssigkeit heraus, zieht eine Spritze auf. Genau wie Claire es schon zuvor in den Erinnerungsbruchstückchen gesehen hatte.

Stimme: Ich werde dir jetzt eine Spritze geben, Claire.

Zum ersten Mal können wir nun sein Gesicht sehen. Der Doktor ist Ethan.

Ethan: Ein bißchen Medizin für dein Baby. Keine Sorge. Du wirst nur einen ganz kleinen Pieks spüren.

Inselabschnitt

Eine kleine Reihe rasch aufeinanderfolgender Bilder folgt, dann plötzlich fängt Claire am Strand panisch an zu schreien. Sie schlägt um sich und schreit so heftig, daß Libby Mühe hat, sie zu beruhigen und in die Wirklichkeit zurückzuholen.

Libby: Ist ja gut. Du bist okay. Ist gut. Ist ja gut.

Claire ist völlig außer sich.

Claire: Es war Ethan! Ich habe Ethan gesehen! Ich hab ihn gesehen. Es war Ethan!

Libby: Claire, Claire, ist ja gut.

Claire: Nein ist es nicht!

Libby: Du bist okay.

Claire: Nein, ich bin nicht okay. Es war Ethan!

Kate kommt mit Aaron zu ihnen hinübergelaufen, alarmiert durch Claires Schreie.

Kate: Was ist passiert?

Libby: Ich weiß nicht. Sie ist einfach –

Kate geht auf Libby los, die völlig verwirrt ist.

Kate: Was hast du gemacht?!

Libby: Nichts, sie ist einfach –

Claire: Mach es nochmal! Mach es nochmal!!

Libby: Nein, Claire, du hast geschrieen.

Claire: Aber ich habe mich erinnert, okay? Ich habe Ethan gesehen.

Libby: Claire...

Claire: Er war da. Und er hat mich untersucht.

Libby: Was du gesehen hast, könnten kombinierte Erlebnisse von Dingen sein, die sowohl vor dem Absturz als auch danach hier auf der Insel passiert sind.

Claire: Nein, okay? Nein! Es war wahr! Ich war betäubt. Und er hat irgendwas mit mir gemacht.

Kate: Claire, du mußt dich beruhigen, okay? Das ist nicht gut für dich.

Aaron auf Kates Armen schreit immer noch, und Claire nimmt ihn ihr weg, reißt ihn fast an sich, ist völlig außer sich und läßt sich nicht beruhigen.

Claire: Weißt du was? Aaron ist krank, okay? Ich muß diesen Ort finden! Dieser Raum- er ist echt. Er ist echt. Okay, und dort gibt es Medizin. Für das Baby. Ich muß sie finden. Ich muß sie finden.

Sie macht einen Schritt auf Kate zu und sieht sie eindringlich an.

Claire: Kate, Kate, bitte, hilf mir sie zu finden.

Kate sagt weder ja noch nein, sieht Claire nur besorgt an.


Wir sehen einen Baum, der mit einem schwarzen Kreuz markiert ist. Gleich darauf ertönt der Klang von einem Beil, das auf Holz schlägt. Es ist Eko, der den markierten Baum fällt. Er schlägt ihn an und kippt ihn dann mit den Händen um. Krachend fällt der Stamm zu Boden.


Gleich darauf betritt Eko den Dharma-Bunker. Blickt suchend um sich. Es ist alles still. Niemand ist zu sehen.

Eko: Hallo?

Jack, der Henry in den Waschraum begleitet hat, erschrickt, geht zur Tür, blickt durch den Spalt und drückt die Tür dann rasch und vorsichtig zu, deutet Henry an, still zu sein.

Eko: Hallo? Hallo.

In einem anderen Raum steht Locke und wechselt eine Glühbirne in der Deckenlampe.

Locke: Hey du.

Eko: Hallo, John. Bist du allein?

Locke: [Lächelt] Jetzt nicht mehr.

Im Waschraum ist Henry nicht wenig verwundert über Jacks Verhalten.

Henry Gale: Wie viele von euch –

Jack: Sei still.

Henry verstummt gekränkt.

Zurück zu Eko und Locke.

Eko: Ich hatte gehofft, ich könnte mir eine Säge borgen.

Locke: Aber sicher. Hier lang.

Er legt die Glühbirnen beiseite und geht voran, um Eko den Weg zu zeigen. Langsam folgt Eko ihm. Dabei fällt sein Blick auf die einen Spaltbreit offenstehende Waffenkammertür mit der Liege und der Decke darin.


Unten am Strand sitzt Sawyer gemütlich ausgestreckt auf einem Flugzeugsitz vor seinem Zelt und liest ein Buch. Er hat eine neue Brille auf der Nase. Kate kommt zu ihm hinüber bleibt neben ihm stehen.

Kate: Ich brauche eine Waffe, und du wirst nicht fragen wieso.

Sawyer sieht auf, nimmt seine Brille ab, grinst.

Sawyer: Tja, Thelma, da ich alle Waffen habe, werde ich sehr wohl fragen, wieso.

Kate: Nein, wirst du nicht.

Sawyer: Doch werde ich. Paß auf. [Er legt eine betonte Pause ein, grinst genüßlich weiter] Wieso?

Kate verdreht leicht die Augen.

Kate: Gib mir einfach eine Waffe, Sawyer.

Sawyer wendet sich ab, nimmt seine Brille und setzt sie wieder auf.

Sawyer: Guck mal. Ich hab eine neue Brille gefunden, die sogar fast meine Stärke hat. Gefällt sie dir?

Kate gibt auf.

Kate: Na schön, ich gehe in den Dschungel, um Rousseau aufzuspüren.

Sawyer: [Überrascht] Die Franzosenbraut? Wieso das?

Kate: Claire glaubt, daß sie weiß, wo es etwas Medizin geben könnte. Das Baby ist krank.

Sawyer setzt sich auf.

Sawyer: Ich hab doch Medizin, zum Teufel.

Kate: Sie glaubt, er ist ernsthaft krank – "Quarantäne"-krank.

Sawyer: Was denkst du?

Kate: Ich glaube sie ist etwas zu sehr besorgt. Aber sie wird mit oder ohne mich hinter Rousseau hergehen.

Sawyer: Keine Jungs erlaubt, hm? [Kate lächelt leicht und schüttelt den Kopf.] Na gut, was willst du? Eine 9 Millimeter oder ein Gewehr?


Claire legt Aaron in Suns Arme. Aaron weint noch immer.

Sun: Ich glaube nicht, daß das eine gute Idee ist. Vielleicht solltest du auf Jack hören.

Claire: Aber was wenn Jack Unrecht hat, okay? Jack hat gesagt, das Fieber würde sinken, aber das tut es nicht, es wird immer schlimmer.

Die beiden sind am Strand vor Suns Unterkunft. Claire bereitet sich auf den Aufbruch in den Dschungel vor.

Sun: Nur weil es bis jetzt noch nicht gesunken ist, heißt das nicht –

Claire: Wie lange soll ich denn warten, Sun?

Sie wendet sich zum Gehen. Sun ruft ihr nach.

Sun: Eine Mutter sollte ihr Kind nicht verlassen!

Claire hält inne, wirft Sun einen Blick zu, kommt zu ihr und Aaron zurück.

Claire: Entschuldige. Bist du eine Mutter?

Sun: Nein, bin ich nicht. Claire, bist du sicher, daß du das tun willst?

Claire: [Starrt sie an] Was hast du gesagt?

Sun: Bist du dir sicher, daß du das tun willst?

Erinnerung

Und da schießen Claire plötzlich wieder Erinnerungsbruchstücke durch den Kopf. Ein querliegender Baumstamm, Ethan, der sagt: „Du mußt dir sicher sein“, das junge Mädchen, das sagt: „Du mußt hier raus...“, ein Operationssaal, jemand, der Claire den Mund mit etwas zuhält, eine Spritze... Dann ist da Ethan, der den Schrank mit den Ampullen darin öffnet und eine Spritze aufzieht. Claire sitzt wieder auf dem Untersuchungsstuhl. Sie wirkt betäubt und willenlos.

Claire: Mußt du damit in meinen Bauch stechen? Denn das tut wirklich, wirklich weh.

Ethan redet auf sie ein, als wäre sie ein kleines Kind.

Ethan: Ich weiß. Ich wünschte es gäbe einen anderen Weg. Aber das Baby braucht es, Claire. Okay?

Claire: Okay.

Ethan injiziert das Mittel direkt in Claires schwangeren Bauch.

Ethan: Da, schon vorbei. Das war gar nicht so schlimm, oder?

Claire: Nein.

Sie lacht und wirkt völlig high.

Ethan: Und da du so ein liebes Mädchen gewesen bist, finde ich, es ist jetzt Zeit für eine Überraschung.

Claire sieht begeistert aus. Gleich darauf gehen die beiden langsam einen langen kahlweißwändigen Gang herunter. Claire hat nach der Spritze Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Sie entdeckt einen Seitengang und bleibt stehen, sieht hinein. Der Gang ist nicht erleuchtet wie dieser, dort gibt es nur graue Wände und eine Treppe in die Tiefe. Claire geht weiter darauf zu, doch Ethan hindert sie daran.

Ethan: Claire, hier lang. Hier geht's lang.

Sie läßt sich von ihm wegführen. Kurz darauf öffnet er eine Tür und läßt sie eintreten. Es ist ein perfekt eingerichtetes Kinderzimmer. Mit einer Wiege, einem Wickeltisch, blaugestrichenen Wänden mit großen aufgehäbgten Tierfiguren daran, einem Schaukelstuhl, einem kleinen Babybademantel an einem Haken an der Wand und überall Spielzeug, Autos, ein Rechenschieber, ein Bild von einer bunten Lokomotive.... Claire ist ganz sprachlos vor Staunen.

Claire: Was ist das hier?

Ethan: Das ist für dein Baby, Claire.

Claire: Oh, es ist unglaublich. Wow...

Langsam und staunend geht sie durch den Raum.

Claire: Was- was ist mit Charlie passiert?

Ethan: Charlie? Oh, ihm geht's gut. Als wir weit genug vom Camp weg waren, hab ich ihn zurückgehen lassen.

Claire: Oh. Und wo kommt das hier alles her?

Ethan: Ich würde dir liebend gern alles erklären, Claire, aber ich fürchte im Augenblick wäre das einfach ein bißchen zu überwältigend.

Claire geht zum Babybettchen hinüber. Dort hängt ein Mobile mit kleinen Flugzeugen daran und einem silbernen Stern in der Mitte. Sie starrt es an. Irgend etwas in ihr scheint sich zu erinnern.

Claire: Was...

Ethan: Na los, stell es an.

Sie schaltet es an und es fängt an, die Melodie zu „Catch a Falling Star“ zu spielen. Ethan lächelt. Doch Claire wirkt etwas verwirrt. Es ist das Lied, das ihr Vater ihr als Kind vorgesungen hatte (Siehe Episode 1x10).

Draußen vom Flur klingt plötzlich eine männliche Stimme herein.

Stimme: Ethan.

Ethan: [Zu Claire] Warte hier. Ich bin gleich wieder da.

Claire: Okay.

Ethan verläßt das Zimmer. Den Mann, der draußen wartet, sehen wir durch einen Spalt in der Tür. Zuerst nur seinen Ärmel.

Stimme: Was zum Teufel ist passiert? Du solltest die Liste schreiben und sie dann herbringen. Hatte ich mich nicht klar ausgedrückt?

Ethan: Es ist nicht meine Schuld. Sie wußten, daß ich nicht im Flugzeug gewesen war. Sie hatten eine Passagierliste.

Nun sehen wir auch sein Gesicht. Es ist Mr. Friendly, ohne seine zerschlissenen Klamotten, ohne Wollmütze, ohne Bart. Dafür mit grauen Haaren.

Mr. Friendly: Und was soll ich ihm sagen? Weißt du, was er tun wird, wenn er es rausfindet? Verdammt noch mal, Ethan.

Mr. Friendly bemerkt Claire im Zimmer und zieht die Tür ran, so daß sie nicht weiter zuhören kann. Eine Reihe von raschen Erinnerungsstücken folgen.

Inselabschnitt

Zurück am Strand. Aaron weint. Und Sun betrachtet Claire besorgt.

Sun: Claire? Claire, ist alles in Ordnung?

Claire: Ich äh...

Kate nähert sich.

Kate: Bist du soweit?

Claire nickt, wendet sich Aaron zu, um sich zu verabschieden, streichelt ihn, küßt ihn.

Claire: Hey, Liebling, psst, Mami muß jetzt gehen, okay mein Liebling? Psst, nicht weinen. Nicht weinen. Ist ja gut. Ich bin ganz bald wieder da. Und dann wird es dir bessergehen, okay? Das verspreche ich dir. [Zu Sun] Danke.

Sun: Okay.

Kate und Claire machen sich auf den Weg.

Kate: Bist du okay?

Claire: Ja.


Kate und Claire bahnen sich ihren Weg durch den Dschungel. Ganz in der Nähe fließt ein Fluß. Der Dschungel ist dicht und dunkel um sie herum. Kate geht voran, Claire hinterher.

Claire: Bist du sicher, daß das ihre Spur ist?

Kate: Wir haben genau da angefangen, wo wir sie vom Strand vertrieben hatten.

Claire: Also was weißt du über Rousseau?

Kate: Nicht viel.

Claire: Ihr habt so viel Zeit zusammen verbracht als ihr zum "Schwarzen Fels" unterwegs wart. Ihr müßt doch über irgendwas geredet haben.

Kate: Nur darüber, daß ihr Schiff hier auf Grund lief – und sie mit ihrem Forschungsteam hier strandete.

Claire: Was ist mit ihnen passiert?

Kate: [Zögernd] Sie sind gestorben.

Claire: Wie?

Kate versucht abzulenken, betrachtet einen Felsstein auf dem Weg, bückt sich, sucht nach Spuren, sieht sich dann suchend um.

Kate: Keine Spuren mehr. Die Fährte endet hier.

Claire: Kate, wie sind sie gestorben?

Kate: [Leise] Sie hat sie umgebracht.

Claire: [Gechockt] Was? Wieso... wieso hat sie das –

Danielle: [Plötzlich hinter ihnen] Weil sie infiziert waren. Jetzt glaubst du mir, oder?

Kate und Claire starren sie an.

Claire: Ich möchte, daß du mich dahin zurückbringst.

Danielle: Zurück?

Claire: Dahin wo ich dich gekratzt habe.

Sie geht auf Danielle zu.

Kate: Claire...

Claire: Nein, okay, sie weiß, daß ich mich erinnere. Ich erinnere mich jetzt an vieles. Ich erinnere mich an den Raum, die Medizin, ein Mädchen im Teenageralter.

Während Claire immer aufgeregter wird, verändert sich bei diesen Worten der Blick in Danielles Augen.

Claire: Okay, also lüg mich nicht an und tu so als wüßtest du nicht, wovon ich rede. Mein Baby ist krank. Und du wirst mich dahin zurückbringen, damit wir holen können, was er jetzt braucht.

Danielle: [Ruhig] Es ist nicht weit von hier.


Jack ist am Strand und geht zu einem der Wasserauffangbecken. Eko kommt auf ihn zu, bleibt ihm gegenüber stehen.

Eko: Jack, kann ich mal mit dir reden?

Jack: Sicher.

Eko: Wer ist er?

Jack: Was?

Eko: Der Mann, den ihr in der Luke festhaltet.

Jack sieht ihn an.

Jack: Hat Locke dir davon erzählt?

Eko: Locke hat mir gar nichts gesagt. Wer ist er?

Jack: Das wissen wir nicht.

Eko: Ich wünsche mit ihm zu sprechen.

Jack: Mit ihm sprechen worüber?

Eko: Ich wünsche allein mit ihm zu sprechen. Kannst du das arrangieren?

Jack: Wieso sollte ich das tun?

Eko: Weil du willst, daß es ein Geheimnis bleibt.

Eko sieht Jack an und verzieht keine Miene.


Kate und Claire folgen nun Danielle durch den Dschungel. Irgendwann bleibt Danielle stehen.

Claire: Wieso halten wir hier an?

Danielle: Hier hast du mich gekratzt.

Claire: Aber hier ist nichts.

Ringsum gibt es nichts als Büsche und Felsen.

Danielle: Wo gehen wir als nächstes hin?

Claire: [Entsetzt] Wieso fragst du mich das? Du mußt mir sagen, wohin wir gehen sollen!

Im gleichen Maße wie Claire sich aufregt, wird auch Danielles Blick immer verständnisloser. Kate steht hilflos daneben und sieht von einer zur anderen.

Danielle: Wo ist dieser Raum?!

Claire: Wie kannst du das sagen? Du hast mich doch gepackt. Darum hab ich dich gekratzt – weil du mich zu denen zurückbringen wolltest!

Danielle: Das ist es, was du denkst? Du hast gesagt, du würdest dich erinnern! Darum hab ich dich hierhergebracht. Du hast gelogen!

Sie packt Claire. Und Kate greift nach ihrer Waffe, richtet sie auf Danielle.

Kate: Hey! Laß sie los!

Danielle starrt Claire an. Claire reißt sich von ihr los und wendet sich verärgert ab. Kate hält weiter ihre Waffe auf Danielle gerichtet. Anstatt zurückzuweichen, kommt Danielle langsam auf sie zu. Kate entsichert die Waffe. Ihre Hand zittert. Danielle bleibt ganz nah vor ihr stehen.

Danielle: [Leise] Nur zu. Bitte. Tu es.

Kate starrt Danielle geschockt an. Nimmt die Waffe herunter. Und wendet sich ab. Läuft Claire hinterher. Danielle bleibt hinter ihnen zurück und senkt den Kopf.

Kate: Claire! Claire!

Claire läuft weiter durch den Dschungel, erreicht eine Lichtung, auf der im halbhohen Gras ein merkwürdig geformter Baumstamm quer auf dem Boden liegt. Sie starrt den Baumstamm an. Und wieder fliegen ihr Erinnerungsbruchstücke zu.

Erinnerung

Claire sitzt im Schaukelstuhl des Kinderzimmers und strickt einen kleinen blauen Babyschuh. Ethan kommt herein.

Ethan: Wie geht es voran?

Claire: [Wieder völlig high und äußerst friedlich und fröhlich] Einen geschafft. Noch einen zu machen.

Ethan: Alles was wir jetzt noch brauchen, ist ein kleiner Fuß, den wir da reinstecken können, hm? Ich sag dir was – was hältst du davon, wenn wir uns rausschleichen und einen Spaziergang machen?

Claire: Okay.

Gleich darauf gehen Ethan und Claire zusammen im Dschungel spazieren. Claire steht so unter Drogen, daß sie kaum allein laufen kann und Ethan sie stützen muß.

Ethan: Tut mir leid, daß dies das erste Mal ist, daß ich dich da rausgekriegt habe. Meine Freunde haben Angst, du könntest weglaufen. [Claire schwankt, und er muß sie fast auffangen] Verrat mich nicht, okay?

Claire: Okay.

Ethan: Ganz vorsichtig. Sachte. Sachte!

Er hilft ihr, sich auf einen Baumstamm – den besagten Baumstamm – zu setzen. Setzt sich neben sie und hält ihr seine Feldflasche hin.

Ethan: Okay, hier. Das sollte helfen.

Sie nimmt die Flasche und trinkt.

Claire: Danke [Verzieht dann das Gesicht] Iiiih.

Ethan: Was?

Claire: Das ist wirklich sauer.

Ethan: Ist es das? Ist mir gar nicht aufgefallen.

Er riecht an der Flasche, trinkt aber nicht. Claire preßt plötzlich ihre Hand auf ihren Bauch.

Claire: Oh, er... er tritt!

Ethan: Darf ich?

Er legt seine Hand auf ihren Bauch, um selbst die Tritte des Babys zu fühlen.

Claire: Ja.

Sie legt ihre Hand auf seine.

Ethan: Claire, kann ich dir ein Geheimnis verraten?

Claire: Ja.

Er lächelt, fast ein wenig wehmütig.

Ethan: Ich werde dich vermissen. Ich wün... ich wünschte, du müßtest nicht gehen.

Claire: Vielleicht muß ich gar nicht gehen.

Ethan: Wir haben das doch besprochen, Claire. Es gibt nicht genug Impfstoff für dich und das Baby.

Claire: Aber ich bin nicht- ich bin nicht krank.

Ethan: Gott sei Dank. Und nach der Entbindung kannst du zurück zu deinen Freunden gehen, und wirst hoffentlich auch gesund bleiben.

Claire hört auf zu lächeln und sieht auf ihren Bauch herunter.

Claire: Was... was wenn ich das Baby sehen möchte?

Ethan: Hey, niemand wird ihn dir wegnehmen, es sei denn du willst es so. Du hast die Wahl. Wir sind gute Menschen, Claire. Wir sind eine gute Familie. Aber wenn du uns dein Kind anvertrauen willst, möchte ich, daß du dir auch wirklich sicher bist. Okay?

Einträchtig sitzen die beiden zusammen auf dem Baumstamm.

Inselabschnitt

Die Kamera fährt herum, und plötzlich sehen wir in einiger Entfernung im Dschungel Claire stehen, die Claire aus der Gegenwart, nicht mehr schwanger und auf der Suche nach Antworten. Sie starrt den Baumstamm an. Es hat angefangen zu regnen.

Claire: [Benommen] Sicher...

Kate kommt angelaufen.

Kate: Da bist du.

Schon läuft Claire weiter.

Kate: Wo gehst du hin?

Claire: Ich weiß, daß es das ist. Es ist hier.

Kate: Claire!

Sie will Claire nach, doch Danielle hält sie fest.

Danielle: Laß sie gehen.

Kate: Wie bitte?

Danielle: Laß sie sich umgucken.

Kate: Umgucken wonach? Claire! Claire!

Claire durchsucht die Umgebung, wischt Zweige und Laub vom Boden weg, entdeckt eine Wand, die völlig von Grün bewachsen ist und fängt an, die Blätter und Äste abzureißen. Kate traut ihren Augen kaum, als darunter eine dunkle Plane zum Vorschein kommt. Sie hilft Claire, die Plane zu entfernen. Darunter gibt es eine weitere zweiflügelige Tür, auf der ein Dharma-Symbol zu sehen ist.

Gemeinsam reißen Kate und Claire beide Türflügel auf. Vor ihnen erstreckt sich eine Treppe in die Tiefe. An ihrem Ende breitet sich ein Gang aus, in dem fahles Licht flackert.

Claire, Kate und Danielle betreten die Station, langsam und vorsichtig, bahnen sich ihren Weg in die Tiefe. Das flackernde Licht stammt von den letzten noch funktionierenden Lampen im Flur. Kate bemerkt im Halbdunkel an der Wand einen Kasten, öffnet ihn und entdeckt darin vier Taschenlampen. Sie nimmt drei davon heraus und verteilt sie.

Kate: Taschenlampen. Die Lampen... ich werde mal sehen, ob ich den Strom ankriege. [Zu Claire] Bist du okay?

Claire nickt und geht weiter. Danielle folgt ihr. Kate nimmt einen anderen Weg.

Claire: Hier lang.

Sie betreten den Raum, der einst das Kinderzimmer mit den blauen Wänden gewesen war. Nun ist es fast vollkommen leer. Die Kinderausstattung ist verschwunden, ebenso die Bilder an den Wänden. Dort wo die Tierfiguren die Wand verzierten, gibt es nur noch tierförmige Vergilbungen auf der Tapete. Fassungslos sieht Claire sich um. Da gehen die Lichter an. Kate hat den Sicherungskasten gefunden.

Danielle: Was ist das hier?

Claire: Hier wollten sie ihn unterbringen.

Kate sieht sich in den andern Räumen um, öffnet eine Tür, die zu einem Raum mit Spinden an den Wänden führt. Langsam tritt sie ein und öffnet eine der Spindtüren, entdeckt verwundert zerschlissene braune Kleidung sorgfältig auf Bügel gehängt darin, dazu die gestrickte Mütze, die Mr. Friendly zu tragen pflegte. Auf dem Boden des Spinds steht eine Holzkiste. Langsam klappt Kate sie auf. Darin liegen unter anderem ein Fläschchen Klebstoff und ein falscher roter Bart.

Im Kinderzimmer entdeckt Claire auf dem leeren Fußboden einen einzelnen winzigen blauen Babyschuh. Sie bückt sich und hebt ihn auf. Im selben Moment kehrt wieder ein Schwall Erinnerungsbruchstücke zu ihr zurück.

Erinnerung

Sie liegt in ihrem Bett und schläft, als das junge Mädchen mit den dunklen Haaren zu ihr kommt und sie zu wecken versucht.

Mädchen: Wach auf.

Claire ist überrascht, als sie das Mädchen neben ihrem Bett stehen sieht. Und sie steht sichtlich immer noch unter dem Einfluß der Beruhigungsmittel.

Claire: Wer bist du?

Mädchen: Psst! Sie werden dich hören. Hör zu, du mußt hier raus.

Claire: Hm?

Mädchen: Du mußt hier raus, sofort!

Claire: Was – nein, nein, nein. Ich kann nicht gehen.

Mädchen: Doch kannst du. Komm schon.

Claire: Ich kann nicht gehen. Nein! Hör auf. Was machst du denn?

Das Mädchen zerrt Claire aus dem Bett und auf die Füße, dann weiter zur Tür, öffnet sie und sieht den Flur herunter. Dort am Ende gibt es einen großen Raum in dessen Mitte ein Operationstisch steht. Drumherum sind mehrere steril gekleidete Leute dabei, eine Operation vorzubereiten.

Mädchen: Nicht schreien. Sie werden es heute Nacht tun.

Claire: Was? Was tun?

Das Mädchen klappt die Tür wieder zu.

Mädchen: Psst.

Claire: Wovon redest du?

Mädchen: Du wirst sterben. Sie wollen ihn aus dir herausschneiden. Ich kann dich zurück zu deinem Camp bringen, aber wir müssen jetzt los. Jetzt!

Doch Claire glaubt ihr nicht und will nicht mitgehen.

Claire: Nein, nein, nein! Hey, du lügst. Du lügst, okay? Ich bin mir dessen sicher.

Das Mädchen kämpft mit Claire, die sich heftig wehrt.

Claire: Wo ist Ethan? Ich will mit Ethan reden. Ethan würde mir nichts tun.

Da preßt das Mädchen Claire ein weißes Tuch über den Mund, und Claire verliert das Bewußtsein.

Mädchen: Eines Tages wirst du mir dafür dankbar sein.

Es folgen noch andere Erinnerungsbruchstücke. Dieselben wie zuvor.

Inselabschnitt

Dann steht Claire wieder im leeren Kinderzimmer und hält den kleinen Babyschuh in der Hand. Danielle steht hinter ihr.

Claire: Sie ist hier. Die Medizin ist hier.

Claire stürmt los, verläßt das Kinderzimmer und findet den Untersuchungsraum. Auch der ist verlassen und sieht aus, als wäre seit Jahren niemand mehr in ihm gewesen. Der Schrank, in dem der Impfstoff gelagert war, liegt mit der Tür nach unten auf dem Boden. Claire läuft zu ihm hinüber und versucht ihn aufzustellen. Doch er ist viel zu schwer. Danielle bleibt dicht bei der Tür stehen und sieht sich nachdenklich und angespannt um.

Claire: Hilf mir. [Doch Danielle reagiert nicht und rührt sich nicht.] Hilfe! Kate! Komm her! Ich brauche Hilfe!

Kate, die immer noch auf Mr. Friendlys Kostüm starrt, läuft sofort los.

Claire: Hilf mir, den aufzustellen.

Kate: Was ist das?

Claire: Er ist da drin. Der Impfstoff ist da drin.

Sofort packt Kate mit an.

Kate: Okay, eins... zwei... drei....

Die beiden wuchten den schweren Schrank wieder auf die Beide. Claire reißt die Tür auf. Doch der Schrank ist leer.

Claire: Er war hier drin. Der Impfstoff war hier drin!

Völlig außer sich wühlt sie den leeren Schrank durch.

Claire: Er war hier- wo ist er, wo ist er, wo ist er?

Sie fährt herum und geht auf Danielle los.

Claire: Der Impfstoff war hier drin! Wo ist er?! Du hast mich hierher zurückgebracht. Wo ist er?! Du weißt, wo er ist, oder? Sag's mir! Sag mir wo er ist! Sag es mir!

Danielle rührt sich nicht. Claires Blick fällt auf die Kratznarben auf Danielles Unterarm. Sie starrt die Narben an, dann Danielle. Und erinnert sich wieder:

Erinnerung

Claire liegt irgendwo im Dschungel auf dem Boden und wacht auf. Sie kommt nur langsam zu sich, versucht sich aufzurichten, doch es fällt ihr schwer. Ringsum wird es bereits dunkel.

Claire: [Murmelt völlig benebelt] Ethan. Ethan. Ethan, ich bin mir sicher. Hey! Hey, Ethan! Ich bin- ich bin sicher, daß ich – ich will, daß du mein Baby nimmst.

Da sieht sie plötzlich Danielle im Dunkel stehen. Erschrickt, rappelt sich auf.

Claire: Wer- wer bist du?

Im Hintergrund klingt Ethans Stimme auf. Er ruft nach ihr.

Ethan: Claire!

Claire: Ja! Ich bin hier!!

Ethan: Ich kann dich hören! Wo bist du?!

Nicht nur Ethan ist auf der Suche nach Claire. In einiger Entfernung zieht ein ganzer Zug von Fackeln durch den Dschungel.

Danielle: Still.

Doch Claire hört nicht.

Claire: Ich bin hier, Ethan!

Danielle: Sei still.

Claire: Nein nein. Ist schon okay. Ich muß ihn ihnen geben.

Ethan: Claire!

Claire: Ich muß ihn ihnen geben, damit er in Sicherheit ist, okay? Hilfe! Ich bin hier! Ethan!

Ethan und der Suchtrupp kommen immer näher, und Danielle versucht Claire nun den Mund zuzuhalten. Sie wehrt sich, tritt und schlägt um sich, kratzt Danielle heftig am Arm und fällt schließlich zu Boden. Will sich wieder aufrappeln, wieder nach Ethan rufen. Da versetzt Danielle ihr mit ihrem Gewehr einen Schlag. Und Claire bricht zusammen.

Inselabschnitt

Claire – nun wieder in der Gegenwart und in der verlassenen Dharma-Station, sieht Danielle an.

Claire: Du hast nicht... versucht mich zurückzubringen, oder? Du hast versucht mich zu retten.

Danielle: Ich hab dich auf meinem Rücken zurück zu deinem Camp getragen. Ich hab dich dort gelassen, wo ich glaubte, daß sie dich finden würden.

Kate wirft Danielle einen überraschten Blick zu.

Claire: Es tut mir leid.

Danielle wendet sich zum Gehen.

Claire: Wo gehst du hin?

Danielle: Du bist nicht die einzige, die nicht gefunden hat, was sie gesucht hat.


Kate, Claire und Danielle sind nun auf dem Rückweg durch den Dschungel. Danielle bleibt irgendwann plötzlich stehen.

Danielle: Weiter als bis hier gehe ich nicht.

Claire sieht sie an.

Claire: Dein Baby... war es ein Mädchen?

Danielle: Ja.

Claire: Wie war ihr Name?

Danielle: Alex, Alexandra.

Claire: Ich erinnere mich an ein Mädchen – ein Mädchen mit blauen Augen?

Danielles Augen werden ganz weit.

Claire: Sie... sie hat mir geholfen. Sie hat mich gerettet. So wie du es getan hast. Sie war nicht wie die anderen. Sie war gut.

Tränen sammeln sich in Danielles Augen.

Danielle: Es tut mir leid, daß du nicht gefunden hast, wonach du gesucht hast. Und ich hoffe, daß dein Baby nicht infiziert ist. Doch falls es das ist... hoffe ich, du weißt, was getan werden muß.

Damit wendet sich sie ab und geht.


Locke erledigt den Abwasch in der Dharma-Station. Jack und Eko kommen herein.

Locke: Noch mehr Werkzeug gewünscht?

Jack: Er weiß Bescheid, John.

John läßt vom Geschirr ab.

Locke: Na dann.

Wenig später geben die beiden Eko letzte Anweisungen auf dem Weg zur Waffenkammer.

Jack: Paß auf, was du zu ihm sagst. Er ist schlau und neugierig. Ruf einfach nach uns, wenn du fertig bist.

Eko sagt nichts.

Locke: Und wenn der Alarm losgeht, sag ihm nicht, wofür der ist.

Eko: Wofür ist er?

Weder Locke noch Jack sagen etwas dazu. Locke öffnet die Sicherheitstür. Und Eko gibt Locke noch seinen Holzstab, ehe er eintritt.

Henry liegt halb aufgerichtet auf seiner Pritsche, setzt sich erschrocken auf, als Eko eintritt, sieht ängstlich zu ihm auf. Eko bleibt vor ihm stehen. Bietet ihm die Hand zum Gruß an.

Eko: Hallo. Ich bin Mr. Eko.

Henry reicht Eko ebenfalls seine Hand.

Henry Gale: Henry Gale.

Eko: Macht es dir was aus, wenn ich mich setze, Henry?

Henry Gale: Okay.

Eko setzt sich an das Fußende der Pritsche. Henry wirkt noch immer äußerst angespannt und wartet etwas nervös auf das, was da auf ihn zukommen mag.

Eko: Wie lange bist du hier schon drin?

Henry Gale: Zwei Tage.

Eko: Behandeln sie dich gut?

Henry Gale: Mich gut behandeln? Ich bin ein... ein Gefangener. Und ich weiß nicht wieso oder für was –

Eko: Du bist ein Gefangener, weil sie vorsichtig sind. Sie sind vorsichtig, weil sie glauben, daß du lügst.

Henry Gale: Wieso sollte ich lügen? Sie glauben ich bin einer von diesen... "anderen"? Andere was?

Eko: Bitte hör auf zu reden, Henry.

Henry verstummt verwirrt.

Eko: In der ersten Nacht, die ich auf dieser Insel verbracht habe, wurde ich von zwei Männern in den Dschungel gezerrt. Sie haben kein Wort zu mir gesagt, oder ich zu ihnen. Ich habe diese Männer getötet – ihnen die Köpfe mit einem Stein eingeschlagen, ihr Blut auf meinen Armen gespürt. Ich möchte, daß du weißt, wie leid mir das tut. Ich möchte, daß du weißt, daß ich nun wieder auf dem rechten Wege bin und daß ich meine Taten bedauere. Ich bitte dich um deine Vergebung.

Henry Gale: Wieso erzählst du mir das?

Eko: [Fast bitter-grimmig] Weil ich es jemandem erzählen mußte.

Plötzlich zieht er ein Messer hervor, und Henry schrickt zurück. Ohne den Blick auch nur einmal von Henry zu lassen, packt Eko die beiden kleinen gelockten Strähnen seines eigenen Bartes an seinem Kinn und schneidet sie ab. Dann steht er auf. Wendet sich zum Gehen. Immer noch ohne zu blinzeln und ohne Henry aus den Augen zu lassen. Henry ist sprachlos vor Schreck und starrt ihn nur an.


Am Strand. Jack untersucht Klein-Aaron. Claire steht daneben und sieht zu.

Jack: Er sieht gut aus. Das Fieber ist gesunken. Sogar der Ausschlag fängt schon an, zu verblassen.

Claire: Vielen Dank.

Jack: [Lächelt] Ich hab nichts gemacht. Ich werde in ein paar Stunden noch mal nach euch sehen, okay?

Claire nickt und Jack macht sich auf den Weg. Claire wendet sich dem Kleinen zu. Er liegt in seinem Bettchen und brabbelt ganz fröhlich vor sich hin, beißt auf seiner kleinen Faust herum. Claire holt den kleinen blauen Schuh hervor und hält ihn ihm hin.

Claire: Guck mal. Den hat Mami für dich gemacht, als du noch in ihrem Bauch warst. Ja...

Der Kleine greift nach dem Schuh und fängt an, nun auf ihm herumzubeißen. Claire lächelt und ist gleichzeitig den Tränen nahe.

Claire: Weißt du was? Ich wollte, daß sie dich nehmen. [Ihre Tränen tropfen auf Aaron herunter] Aber jetzt weiß ich – jetzt weiß ich, daß wir zusammengehören, du und ich. Wir müssen aufeinander aufpassen, okay? Du gehörst zu mir, und ich hab dich lieb. Ich hab dich so lieb.

Sie streichelt ihn und küßt sein Köpfchen.


Im Dharma-Bunker öffnet Locke die Waffenkammertür und tritt mit einer grünen Müslischüssel in der Hand ein. Henry sitzt auf der Liege. Locke gibt ihm die Schüssel und Henry sieht darauf herunter.

Henry Gale: Keine Cheeseburger, hm?

Locke: Keine Cheeseburger. Bon appétit.

Er wendet sich wieder zum Gehen. Henry hält ihn zurück.

Henry Gale: Stimmt das, was du über Hemingway gesagt hast?

Locke sieht ihn überrascht an.

Locke: Du hast gute Ohren.

Henry Gale: Ihr habt dünne Türen.

Locke: Liest du Hemingway?

Henry Gale: Klar. Der Typ kämpfte mit Stieren und im Spanischen Bürgerkrieg – damit kann ich was anfangen. Bei dem da komme ich nicht mal durch 5 Seiten.

Er deutet auf das Buch von Dostojewski, fängt dann an zu essen.

Locke: Hm. Dostojewski hatte auch seine Tugenden. Zum ersten war er ein Genie. Stierkampf ist nicht alles.

Henry Gale: Also welcher bist du?

Locke: Wie bitte?

Henry Gale: Bist du das Genie? Oder bist du der Typ, der immer das Gefühl hat, er würde im Schatten eines Genies leben?

Locke wirkt plötzlich etwas angespannt, fast betreten.

Locke: Ich war... ich hatte nie viel für literarische Analysen übrig.

Henry Gale: Ich verstehe bloß nicht, wieso du den Doktor das Sagen haben läßt.

Locke: Niemand hat hier das Sagen. Jack und ich treffen gemeinsam Entscheidungen.

Henry nickt und wendet sich beiläufig wieder seinem Essen zu.

Henry Gale: Na klar. Okay. Mein Fehler.

Locke, noch immer seltsam mitgenommen, verläßt die Kammer, verschließt sorgfältig die Tür, geht zur Spüle hinüber, fängt an, das Geschirr abzuwaschen. Dann plötzlich wischt er mit dem Arm über die Ablagefläche und wirft das gesamte Geschirr herunter. Klirrend bleiben die Scherben auf dem Boden liegen.

Drinnen in der Kammer sitzt Henry und hebt langsam den Kopf.


Übersetzt von: Willow